
Bild KI generiert
Es war einer dieser Abende, an denen die Welt ganz still zu lauschen scheint.
Die Kinder saßen im Kreis um das Feuer, das in der Dunkelheit wie ein lebendiges Herz pochte.
Funken stiegen auf, tanzten im Wind und verglühten zu kleinen Sternen.
Der alte Geschichtenerzähler, mit einem Bart so silbern wie der Mond, rührte mit seinem Stab in der Glut.
„Heute,“ sagte er, „ist der Schleier zwischen den Welten so dünn, dass man fast hindurchsehen kann.“
Ein Mädchen mit einem roten Schal fragte leise:
„Wie ist es… wenn man tot ist?“
Der Alte lächelte geheimnisvoll.
„Man muss gar nicht sterben, um das Land jenseits des Schleiers zu sehen,“ sagte er.
„Ihr besucht es jede Nacht, wenn ihr träumt. Aber ihr müsst wissen, wann ihr umkehren sollt, sonst verliert ihr den Weg zurück.“
Er zeichnete mit dem Stab drei Kreise in den Sand.
„Es gibt drei Tore, bevor ihr die Brücke der Tränen erreicht, die über den Fluss eures Lebens führt.“
Das Feuer knackte, als hätte es zugehört.
„Das erste Tor,“ begann er, „führt in die Welt der Vorstellung.
Dort wird alles lebendig, was ihr fühlt – eure Sehnsüchte, eure Ängste, eure Freude.
Manche Seelen bleiben dort, weil sie vergessen haben, dass sie weitergehen dürfen.“
Ein leises Wispern ging durch den Wald.
„Hinter dem zweiten Tor liegt eine leuchtende Stadt zwischen den Welten,“ fuhr er fort.
„Dort ruhen Reisende aus – Tiere, Menschen, und Wesen, die man auf der Erde kaum kennt.
Es ist ein Ort voller Geschichten, die noch geschrieben werden wollen.“
Die Kinder hielten den Atem an.
„Und das dritte Tor,“ sagte der Erzähler mit sanfter Stimme,
„führt in die kristallinen Bereiche – eine Welt aus Klang und Farbe, wo Formen singen und Töne leuchten.
Dort beginnt die Schöpfung selbst.
Wenn du dort bist, kannst du etwas auf die Erde bringen, das direkt aus der Seele kommt.“
Die Flammen wurden stiller, nur noch Glut schimmerte im Dunkeln.
„Und wenn man weitergeht?“ fragte das Mädchen.
„Dann erreicht man die neuen Erden – über zweihundert leuchtende Welten, jede mit einem eigenen Himmel.
Doch vor der Brücke der Tränen sollte man umkehren,“ sagte er ernst.
„Hinter ihr liegt Novuu, das Reich, wo Seelen ihre Leben in Liebe wandeln.
Aber wer zu früh hinübergeht, vergisst, dass er hier noch tanzen wollte.“
Er blickte in die Glut, als suchte er dort eine Erinnerung.
Dann sagte er leise:
„Ihr denkt, ihr seid hier, im Kreis des Feuers.
Doch vielleicht seid ihr längst woanders – in einem Traum, der euch nur an die Erde erinnert.“
Der Wind fuhr durch die Bäume, das Feuer flackerte auf,
und für einen Augenblick schien die ganze Lichtung zu atmen.
„Vergesst nie,“ sagte der Alte und legte seinen Stab nieder,
„alles, was ihr außen seht, lebt auch in euch.
Ihr seid euer eigenes Universum.
Und jeder Atemzug, den ihr tut entfacht auch euer inneres Feuer.“
Dann stand er auf, nickte still und verschwand in den Nebeln der Nacht.
Nur ein paar Funken tanzten ihm hinterher – wie winzige Lichter, die den Weg nach Hause zeigen.
Epilog
In dieser Nacht träumte das Mädchen mit dem roten Schal.
Sie ging barfuß über eine Wiese aus Licht, und vor ihr öffnete sich ein Tor aus schimmernder Luft.
Hinter dem Tor war eine Landschaft aus Wolken und Musik – jeder Schritt ließ Blüten aus Klang entstehen.
Da hörte sie die Stimme des Geschichtenerzählers, leise wie Wind über Wasser:
„Erinnere dich – du kannst überall hingehen.
Aber vergiss nicht, woher dein Atem kommt.“
Das Mädchen lächelte.
Und als sie am Morgen erwachte, roch ihr Kissen nach Rauch und Nachtwind.
Ein winziger Funke glühte noch in ihrem Herzen –
wie eine Erinnerung an etwas, das wirklich war.
Leave a Reply